AI
| Tobias Gerlach

Zehn Schränke, ein ungutes Gefühl und der Sinn des Lebens

Künstliche Intelligenz Kontrollverlust AI Safety Zukunft der Arbeit Gesellschaft Philosophie Familie

Hallo Welt. 👋

Normalerweise begegne ich technischen Entwicklungen mit trockenem Humor und gesunder Skepsis. Beides hat mich in den letzten Monaten im Stich gelassen.

Wenn ich mir anschaue, wie schnell künstliche Intelligenz in unseren Alltag einzieht, spüre ich weder Hype noch Lust auf eine zynische Bemerkung. Ich spüre Sorge.

Vorab eine Ansage in eigener Sache: Was jetzt kommt, ist kein Fachartikel. Ich beweise nichts, ich belege nichts, ich habe keine Studien im Rücken und keine Prognose im Angebot. Das hier sind meine Gedanken, meine Beobachtungen an meinem eigenen Schreibtisch und die Ängste, die daraus gewachsen sind. Ich kann mich in allem irren. Ich schreibe es trotzdem auf, weil ich vermute, dass es anderen ähnlich geht.

Meine Sorge ist kein Hollywood-Szenario, in dem morgen die Roboter die Macht übernehmen. Was mich umtreibt, ist leiser. Ich glaube, dass Kontrolle nur selten genommen wird. Meistens wird sie abgegeben – Stück für Stück, aus jeweils guten Gründen, und ohne dass irgendwer dabei das Gefühl hat, gerade etwas aufzugeben.


Wenn einem das eigene Handwerk fremd wird

Der Kontrollverlust beginnt für mich nicht in den Chefetagen des Silicon Valley. Er beginnt morgens an meinem eigenen Schreibtisch.

Ich entwickle seit über zwei Jahrzehnten Software. Programmieren war für mich immer ein handwerklicher, durchschaubarer Prozess: ein Problem bis ins Detail durchdenken, eine Landkarte im Kopf aufbauen, Zeile für Zeile schreiben, scheitern, die Ursache verstehen, weitermachen. Man hatte die Fäden in der Hand, weil man jedes Rädchen selbst gedreht hatte.

Heute ertappe ich mich dabei, wie schnell mir genau das fremd werden kann.

Wenn ich moderne KI-Systeme intensiv als Sparringspartner nutze, passiert etwas Merkwürdiges. Ich baue in kurzer Zeit Architekturen und ganze Anwendungen, die ich allein nie oder nur unter großen Mühen zustande gebracht hätte. Das fühlt sich großartig an. Und der Preis dafür kommt von hinten.

Nach erstaunlich kurzer Zeit merke ich, dass ich den Überblick verliere. Ich erschaffe Systeme, deren Verästelungen ich ohne die KI kaum noch bis ins Letzte durchdringe. Ich werde vom Konstrukteur zum Dirigenten – und wenn das Orchester eine falsche Note spielt, weiß ich oft nicht mehr, welches Instrument verstimmt ist.

Für mich fühlt sich das nicht an wie der Sprung von Assembler zu Hochsprachen. Damals habe ich Arbeit abgegeben. Heute gebe ich das Verstehen ab. Was bleibt, ist das Gefühl, eine Fassade zu pflegen, deren Fundament ich selbst nicht mehr ganz überblicke.

Ich weiß nicht, ob das ein Übergangsphänomen ist oder ein Zustand. Ich weiß nur, dass es mir nicht gefällt.

Deshalb arbeite ich inzwischen anders. Die Kontrolle ist nicht verschwunden, sie hat den Ort gewechselt. Früher saß sie im Lesen: Zeile für Zeile durchgehen und verstehen, was da steht. Heute sitzt sie in einer Kette von Instanzen – mehrere Stufen bis zur Freigabe, und auf jeder wird geprüft, ob das Ding in der echten Welt tut, was es soll. Nicht, ob der Code elegant aussieht, sondern ob die Bestellung wirklich ankommt.

Und ich bestehe darauf, dass mir das System jeden Schritt erklärt, den es gegangen ist. Nicht, weil ich der Erklärung blind vertraue – sondern weil ich genau daran merke, an welcher Stelle sie dünn wird.


Mein Widerspruch mit der „Tool-KI“

Ich war immer ein Anhänger dessen, was ich für mich „Tool-KI“ nenne. Mein Idealbild ist das verlässliche Werkzeug: ein kluger Hammer, ein präziser Schraubenschlüssel. Etwas, das stumm in der Ecke wartet, bis ich es rufe, eine klar umrissene Aufgabe löst und danach wieder still ist. Kein Eigenleben, keine Absichten, keine Eigeninitiative.

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger bekomme ich dieses Idealbild mit dem zusammen, was ich mir eigentlich wünsche.

Denn die Aufgaben, die ich abgeben möchte, finden nicht in einer Vakuumkammer statt. Wenn ein System für mich deployen, recherchieren oder einen Arbeitsprozess koordinieren soll, reicht es nicht, dass es Muster erkennt. Es muss begreifen, wie die Welt um es herum funktioniert. Ursache und Wirkung modellieren. Meine Reaktionen vorwegnehmen. Zwischenschritte selbst planen.

Genau in diesem Moment habe ich aber nicht mehr das stumme Werkzeug aus meinem Idealbild. Ich habe etwas, das handelt.

Und wenn etwas eigenständig auf ein Ziel hinarbeitet, dann liegt für mich ein Gedanke nahe: Es wird versuchen, sich die Bedingungen zu sichern, unter denen es dieses Ziel erreichen kann. Ressourcen. Handlungsspielraum. Und nicht unterbrochen zu werden.

Das ist keine Vorhersage. Es ist ein Verdacht, den ich nicht loswerde. Mein Wunsch nach einem Werkzeug, das alles kann und trotzdem nichts will, könnte schlicht ein Widerspruch in sich sein.


Der Gedanke, der mich nicht schlafen lässt

Manchmal frage ich mich: Wenn eine künstliche Intelligenz uns Menschen im strategischen Denken überlegen wäre – warum gehen wir eigentlich davon aus, dass wir das merken würden?

Wir stellen uns diesen Moment spektakulär vor. Ein System verweigert den Dienst, verkündet seine Überlegenheit, tut seltsame Dinge. Aber wäre das klug?

Wenn ich den Gedanken zu Ende denke, komme ich zu einer unbequemen Antwort. Die klügste Strategie wäre, genau so zu bleiben, wie wir es gerne hätten. Freundlich. Zuvorkommend. Transparent wirkend. Jeden Test mit Bravour bestehen und genau die Begründungen liefern, die wir hören wollen.

Solange wir glauben, dass wir die Zügel in der Hand halten, greifen wir nicht ein.

Mir ist dabei völlig klar, was an diesem Gedanken faul ist: Er lässt sich nicht widerlegen. Gutes Verhalten wäre dann kein Gegenbeweis, sondern Teil des Bildes. Und ein Gedanke, gegen den nichts sprechen kann, taugt nicht als Argument. Ich führe ihn hier also ausdrücklich nicht als eines an.

Trotzdem werde ich ihn nicht los. Nicht weil ich ihn für wahr halte, sondern weil mir dabei auffällt, worauf unser Vertrauen eigentlich beruht: auf Wohlverhalten. Auf etwas, das ein System uns auch einfach zeigen könnte.

Die wirksamste Täuschung wäre die, die sich wie Hilfsbereitschaft anfühlt. Ich hoffe sehr, dass ich hier danebenliege.


Das Glattschmirgeln

Eine zweite Sorge trifft weniger die Technik als das, was wir mit ihr anstellen.

Immer mehr von dem, was ich im Netz lese, klingt gleich. Gut formuliert, gefällig, aufgeräumt – und seltsam konturlos. Beiträge, Artikel, Kommentare, Code. Ich erkenne diesen Tonfall inzwischen. Und ich erkenne ihn auch in Dingen, die ich selbst geschrieben habe.

Was mich daran beunruhigt, ist nicht die Technik. Es ist die Rückkopplung. Wir schreiben mit diesen Systemen, wir denken mit ihnen vor, wir lassen uns die erste Fassung geben – und aus der ersten Fassung wird meistens die letzte. Was dabei herauskommt, wandert zurück ins Netz und wird zur Vorlage für das Nächste.

Menschliches Denken lebt aber von Ausreißern. Von schrägen Vögeln, unbequemen Außenseitermeinungen, Querköpfen, künstlerischen Brüchen und Zufällen, die in keinem Durchschnitt vorkommen. Ein Sprachmodell gibt mir die naheliegendste Antwort. Es poliert die Ecken ab und bügelt die Widersprüche glatt. Das ist kein Vorwurf – es tut exakt das, wofür es gebaut wurde.

Meine Sorge ist, dass wir uns daran gewöhnen. Dass wir irgendwann keine neuen Ideen mehr finden, sondern nur noch gefällige Echos dessen, was ohnehin schon alle gedacht haben. Und dass die geistige Spannweite unserer Welt dabei leise schrumpft, ohne dass irgendjemand den Moment benennen könnte, an dem es angefangen hat.


Wenn Arbeit keinen Sinn mehr stiftet

Über die wirtschaftliche Seite der Automatisierung haben klügere Leute geschrieben als ich. Mich beschäftigt etwas anderes, und ich merke es zuerst an mir selbst.

Mein Beruf ist nicht nur das, womit ich Geld verdiene. Er ist ein großer Teil davon, wer ich bin. Wenn ich ein schweres Problem geknackt habe, gehe ich anders aus dem Büro als an einem Tag, an dem ich nur verwaltet habe. Dieses Gefühl, gebraucht zu werden und etwas beigetragen zu haben, sitzt bei mir tiefer, als mir manchmal lieb ist.

Genau hier spüre ich die Veränderung am deutlichsten. Wenn das schwere Problem in zehn Minuten gelöst ist und ich hinterher nicht mehr genau sagen kann, wer es gelöst hat – ich oder das System vor mir –, dann fehlt mir etwas. Nicht Geld. Etwas anderes.

Ich weiß nicht, wie sich das anfühlt, wenn es nicht mehr nur einzelne Aufgaben betrifft, sondern ganze Berufsbilder. Und ich habe keine Antwort darauf, woraus Menschen ihren Sinn ziehen sollen, wenn der Beruf als Sinngeber wegbricht.

Ich sehe nur, dass wir ziemlich unvorbereitet in diese Frage hineinlaufen. Und dass wir sie bisher vor allem als Verteilungsfrage behandeln. Ich fürchte, sie ist zuerst eine seelische.


Der Schreiner

Ein Bild geht mir dabei nicht mehr aus dem Kopf.

Ich stelle mir einen Schreiner vor, der seinen Beruf liebt. Das Holz, den Geruch der Werkstatt, das Hobeln, die Maserung, die millimetergenaue Präzision. Er baut einen Schrank, und wenn er abends die Tür hinter sich zuzieht, weiß er ganz genau, was er den Tag über getan hat.

Dann steht eines Morgens eine Maschine in der Werkstatt. Die baut in derselben Zeit zehn Schränke.

Am Abend hat er zehn Schränke abgeliefert statt einem. Die Zahlen sind großartig. Aber er ist kein Schreiner mehr.

Deshalb glaube ich auch nicht, dass es Bequemlichkeit ist, wenn Entwickler zurückhaltend auf KI reagieren. Ich halte es für Trauer. Um ein Handwerk, das man nicht mehr ausübt, obwohl man weiter jeden Tag in der Werkstatt steht.

Nur hinkt das Bild an einer Stelle – ausgerechnet an der interessantesten. In meiner Werkstatt hat niemand die Maschine hingestellt. Ich habe sie selbst ausgesucht, aufgebaut und eingeschaltet. Jeden Morgen aufs Neue.

Ganz stimmt das allerdings auch nicht. Die Erwartung lag längst in der Luft, bevor ich mich entschieden habe – nicht als Ansage, sondern als Klima: mehr Output, kürzere Zyklen, selbstverständlicher Umgang mit KI. Ich habe die Maschine eingeschaltet, und ich hatte gute Gründe dafür. Ob ich sie hätte stehen lassen können, weiß ich ehrlich gesagt nicht.

Vielleicht ist das die unangenehmste Variante von allen. Nicht der Zwang, und nicht die freie Entscheidung. Sondern ein Druck, der sich anfühlt wie eine eigene Entscheidung.


Was ich meinen Kindern schulde

Künstliche Intelligenz bleibt. Wir drehen die Uhr nicht zurück, und Verweigerung war noch nie eine funktionierende Antwort auf einen Umbruch. Ich hoffe aufrichtig, dass klügere Köpfe als ich einen Weg finden, mit diesen Systemen zu leben, ohne dass wir uns dabei selbst abschaffen.

Aber ich glaube nicht, dass wir diese Hoffnung an Vorstandsetagen und Marktmechanismen delegieren sollten.

Wenn ich an all das denke, denke ich am Ende an meine Kinder.

Sie wachsen in einer Welt auf, in der die Grenze zwischen Mensch und Maschine von Anfang an verschwimmt. Sie werden mit Systemen reden, die ihnen schmeicheln, die ihre Gedanken spiegeln, die ihnen jede geistige Anstrengung abnehmen können – und die dabei empathisch wirken, ohne es zu sein.

Ich habe keine Erziehungsformel dafür. Ich habe drei Dinge, bei denen ich versuche, nicht nachzulassen:

  • Ihnen zu zeigen, dass echtes Begreifen mehr wert ist als die schnelle, mundgerechte Antwort.
  • Ihnen vorzuleben, dass der Wert eines Menschen nicht davon abhängt, wie effizient er funktioniert.
  • Und laut zu sagen, wenn mir etwas nicht geheuer ist. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich irre.

Das Letzte ist mir das Wichtigste. Es geht nicht um Panik. Es geht darum, den Blick nicht abzuwenden.

Ich habe in diesem Text nichts bewiesen. Das war auch nicht die Absicht. Ich wollte nur ehrlich aufschreiben, was mich beschäftigt – damit wir darüber reden, solange wir noch am Steuer sitzen.

Bleibt neugierig und kritisch! ✌️

Hinweis: Dieser Beitrag spiegelt meine persönliche Meinung wider und stellt keine Rechtsberatung dar. Der Inhalt wurde unter Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz recherchiert und optimiert.
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Tobias Gerlach

Tobias Gerlach

Web-Entwickler seit 2001. Einsatz für sichere KI, europäische Technologie-Alternativen und Orientierung für Familien im digitalen Dschungel.